BAD ALCHEMY REVIEW: DEPHINE KNORMAL - EDGETONE - EVOLVING EAR - PAX (Soundbridge CA - Brooklyn)
Nichts wirft ein besseres Licht auf THE ABSTRACTIONS und Ars Vivende (Edgetone Rec. / Pax Rec., EDT 4019 / PR90260), als dass diese 'Psychotronix Melodramatix'-Crew von der Westcoast eine Parallele zwischen Göring vor dem Nürnberger Tribunal und der zynischen Kriegspropaganda des Bush-Regimes zieht. Unter musikalischer Federführung durch die Multiinstrumentalisten Ernesto Diaz-Infante und Rent Romus, den Cellisten & Akkordeonisten Bob March, den Gitarrero Alwyn Quebido und den Drummer Phillip Everett stürzen sich drei Schreihälse - Dina Emerson, Sandor Finta und Jesse Quattro - in eine halb rotzige, halb pathetische 'journey through a lost amerika'. In kakophonen Attacken, brutal, aber auch etwas selbstgefällig und rattenschwanzlang gemischt aus Avantcore und Artpunk und durchkräht im Stil von Eye und Hirsch, wird die Fratze des nach dem Krieg noch hässlicher gewordenen Yankee-Doodle-Home of the Brave in den Scherben einer Bierflasche gespiegelt. AFTER THE WAR CAME THE BARKING OF DOGS. / AFTER THE WAR THERE WAS CHAOS. / NO SILENCE OF PEACE AGAINST NIGHTMARE. / AFTER THE WAR CAME ANOTHER. Wenn zart besaitete Improvisierer wie Diaz-Infante und Marsh nach dem 'Rain of Bullets' im 'Armageddon under Glass' derartig zu Noise-Monstern ausrasten, dann spricht das Bände für den Riss, der sich durch die Heimatfront der Irakkreuzfahrer zieht. Auch wenn solche 'Lebenskunst' nur an wenige Ohren dringt, ist Brüllen immer noch besser als sich nur am Angelhaken der Skrupel, als un- oder anti-amerikanisch zu gelten, zu winden.
(as is stated...before known) (Evolving Ear / Pax Rec., E07 / PR90263), das nunmehr schon vierte Westcoast-Eastcoast-Duett der beiden Gitarristen ERNESTO DIAZ-INFANTE & CHRIS FORSYTH spielt ein Verwirrspiel mit der Zeit. Die Titelfolge The sun is shining - tomorrow - some years since - one afternoon last year - from time to time - this same afternoon - five years ago - some weeks - six minutes last fall - six years lässt den Zeitzeiger Bocksprünge machen. Im Zentrum jedoch herrscht die am 5. Mai 2003 im New Yorker Black-Helicopter-Studio geteilte Eigenzeit der beiden Gesinnungsgenossen aus San Francisco und Brooklyn. Ins Protokoll der Gitarrenzwiesprachen tragen sie sich ein mit einem noiseigen Minimalismus, der, gleichzeitig reduziert und repetitiv, ostinate Fingerpick- und Schrammelriffs einer Akustischen mit den sparsamen, pointierten Stenokürzeln einer E-Gitarre interagieren lässt. Aus den quirlenden Figuren der einen Hand und auf ihre Essenz als Schwingung komprimierte Drones der anderen steigt eine Poesie auf, die mit einer asketischen, von allem Überflüssigen befreiten Gestik Miniaturen ausbrütet am Saum zwischen einem nur geräuschhaften Grau in Grau und Anflügen von Harmonie oder Protoformen von Melodie. Das Klangbild der Akustischen, das manchmal bis zum Sirren einer Sitar aufhellt, beschränkt sich dennoch auf ein schmales Band, das zwischen den Extremen von Stille und weißem Feedbackgeknirsche, von dem es überrauscht zu werden droht, stoisch Kurs hält. Struktur, Monotonie und entropischer Noise fließen ineinander über. Vielleicht klingt so Musik auf Planeten mit hoher Schwerkraft. Diaz-Infante ist übrigens gerade dabei in absolut unkommerzieller grass-roots DIY-KünstlerEigeninitiative das für das Memorial Day Wochenende (May 29 & May 30) 2004 angesetzte 5. Big Sur Experimental Music Festival vorzubereiten, das in der Henry Miller Memorial Library in Millers ehemaligem Domizil 45 Minuten südlich von Monterey stattfinden wird. Die Schwerkraft dort wird als 'schwankend' beschrieben.
Kalifornische Kakophilie in XXL. Conductor Staiano, der Kopf von MOE! STAIANO'S MOE!KESTRA!, wandelt bei seinen Two Forms of Multitudes: Conducted Improvisations (Dephine Knormal Music / Pax Rec. / Edgetone Rec., DKM06 / PR0261 / EDT4021) auf den Spuren von Butch Morris. Das 'Piece No. 4' entstand am 13.4.2002 für eine KFJC-Radio-Show in Los Altos Hills, 'Piece No. 5' am 21.11.2002 ebenfalls live im Oakland Metro. In den 31- bzw. 27-köpfigen Ensembles tauchen Namen auf wie Bob Marsh, Scott Looney, Ernesto Diaz-Infante oder William Winant. Aber auf die individuellen Stimmen kommt es hier weniger an als auf die jeweils achtfach besetzten Drums/Percussionblöcke, auf den Kontrast von Brass und Streichern oder den Einsatz von E-Gitarren und Theremin. 'No. 4' ist geprägt durch ein Reedbündel und ein halbes Dutzend Gitarren, bei 'No. 5' dominieren die Klangfarben eines ganzen Bläserfächers mit Soprano-, Alto- & Tenorsax, Klarinette, Trompete und Posaune. Beiden Stücken liegen die selben notierten Motive und Präparationen zu Grunde. Die Resultate lassen das nicht vermuten. Zu verschieden waren die Klangkörper, zu unterschiedlich die durch Staiano dirigierte Action. Sein Konzept scheint dabei relativ simpel. Mit stakkatohaften Repetitionen der Rhythmsections und Unisonoclustern gebündelter Stimmen steuert er seine Big-Bands durch kakophon tümpelnde Rossbreiten zu furiosen Kulminationsgipfeln. Dieser amerikanisch naive Voodoo-Jazz-Rock ist näher bei einer Orchesterprobe der Holy Tabernacle Stompers für Glenn Brancas "Symphony No.6" als bei den High-Brow-Impro-Konzepten des London Improvisers Orchestra.
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